Gut gepolstert durch die Residenz

Die sächsische Gobelin-Manufaktur Cammann übergibt die fertigen Sitzüberzüge für den Linder-Wagen Nr. 9 an den Verein Historische Straßenbahn Potsdam e.V.

Mehr als fünf Jahre sind vergangen, seit der Lindner-Motorwagen Nr.9 im Mai 2011 erstmals  nach seinem Wiederaufbau Potsdamer Schienen berührte. Seither hat der Wagen Dutzende Sonderfahrten durch Potsdam absolviert und für erstaunte Gesichter bei Passanten und Fahrgästen gesorgt. Von innen und außen besticht der Wagen durch seine detailreiche Gestaltung und macht deutlich, dass er einer Residenzstadt würdig ist.

Und doch hat bisher ein Detail gefehlt, welches das authentische Ambiente abrundete. Bei ihrer Anlieferung durch die Firma Lindner im Jahre 1907 hatten diese ersten elektrischen Straßenbahnwagen zwar Holzbänke wie ihre Kollegen in anderen Städten auch, diese blieben den Fahrgästen jedoch verborgen. In Potsdam saß man nämlich auf gewebten Überzügen, die den Aufenthalt in der Bahn noch angenehmer machen sollten. Die Überzüge bestachen durch Bordüren mit Pflanzenmotiv und vor allem das eingewebte Potsdamer Stadtwappen war ein Hingucker. Ein Werksfoto aus dem Siemens-Archiv zeigt diese prächtigen Überhänge, die nach Aussagen von Zeitzeugen vereinzelt sogar noch nach dem Krieg Verwendung fanden.

Schnell war klar, dass zu einer vollständigen Rekonstruktion des Fahrzeuges auch diese Überhänge gehören würden. Mit der Firma Cammann in Hohenstein – Ernstthal fand der Verein Historische Straßenbahn Potsdam e.V. einen Partner, der sich auf die Herstellung von Stoffen nach historischem Vorbild spezialisiert hat.

Die sächsischen Spezialisten verständigten sich mit Historikern und Denkmalschützern über Optik und Haptik der Stoffe, experimentierten mit verschiedenen Materialien und kamen schließlich zu jenem Ergebnis, welches am heutigen Tage der Öffentlichkeit präsentiert werden konnte.

Für rund 11.000 Euro wurden insgesamt zwölf Einzelteile gefertigt, die nunmehr auf den Doppel und Einzelsitzen der Lindner-Wagens befestigt werden können. Neben dem Aspekt der historischen Authentizität stand vor allem die langjährige Nutzbarkeit der Überwürfe im Mittelpunkt. Wie Peggy Wunderlich von der Gobelin-Manufaktur  sagte, „kommt es ja bei einem solchen Gebrauchsgegenstand heutzutage vor allem auf hohe Funktionalität an. Deshalb haben wir zunächst mit unterschiedlichen Garnen experimentiert sowie verschiedene Materialkombinationen ausprobiert. Jetzt können wir sagen, dass unser Jaquard-Gewebe für den Wagen Nr. 9 vergleichbar ist mit Hightech-Stoffen, mit denen moderne Auto- oder Flugzeugsitze bezogen werden.“ Für eine gute Auflage auf den glatten Holzsitzen sind die Sitzüberwürfe auf der Rückseite mit einem Schaumstoff kaschiert.

Wie beim Wiederaufbau des Lindner-Wagens selbst, ist auch die Wiederherstellung der Sitzbezüge ein Werk mehrerer Partner. Die anspruchsvolle Konfektionierung der Gewebeteile, die Kaschierungen, die Borteneinfassungen und die Herstellung der zum Fixieren der Überwürfe dienenden Lederriemen oblag dem Team des Raumausstatters Thomas Weichelt in Dresden. Die Zulieferung der passenden Borten und Schnüre übernahm die Jende Posamenten Manufaktur Forst GmbH.

Mit der heutigen öffentlichen Übergabe der Sitzüberwürfe ist die Rekonstruktion des Lindner-Wagens mit Ausnahme kleiner Details abgeschlossen. Seit dem Jahr 2008 hat der Verein Historische Straßenbahn Potsdam e.V. insgesamt 391.000 Euro in den Wiederaufbau dieses einmaligen Fahrzeuges investiert und ein wichtiges Stück Potsdamer Nahverkehrsgeschichte wieder erlebbar gemacht. Der Verein kann nun sein Engagement auf das nächste Projekt lenken – den Beiwagen für Nr. 9. Spenden sind also weiterhin immer willkommen.

Wer den Linder-Wagen in Aktion erleben möchte, hat dazu noch einmal am 18. September Gelegenheit. Letztmalig in diesem Jahr wird das Fahrzeug öffentlich eingesetzt. Aus Anlass des Potsdamer Umweltfestes pendelt der Wagen von 13:30 bis 17:00 Uhr zwischen Platz der Einheit (Wilhelmgalerie und der Viereckremise).

Impressionen von der gestrigen Übergabe

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