Noch ein Blick nach Osten: St. Petersburg

Nachdem die letzten Auslandsbeiträge bereits die Straßenbahnen in Lettland (Liepaja, Daugavpils und Riga) zum Thema hatten, wollen wir noch kurz im Ostseeraum bleiben. Die russische Metropole St. Petersburg besaß einst das größte Straßenbahnnetz der Welt. Nachdem in den frühen 2000er Jahren ein erheblicher Kahlschlag stattgefunden hat, ist der Betrieb inzwischen stabil. Weitere Einstellung sind derzeit nicht zu erwarten.

Für Straßenbahnfans ist der Wagenpark sicher wieder sehenswert. Seit das traditionsreiche Straßenbahnwerk in St. Petersburg 2012 für bankrott erklärt wurde, ist die örtliche Straßenbahn ohne eigenen Zulieferer geblieben. Was den Fan freut, deutet vor allem auf den Wert hin, den man in der Stadt der Straßenbahn beimisst. Etliche scheinbar halbherzige Versuche den Wagenpark zu erneuern, führten dazu, dass derzeit nicht weniger als 15(!) Fahrzeugtypen unterwegs sind. Ein nicht unerheblicher Teil dieser Fahrzeugtypen ist dem verzweifelten Versuch des Verkehrsbetriebes geschuldet, aus seinem uralten und vollkommen abgefahrenen Wagenpark durch Modernisierungen einen Teil der Fahrzeuge in die Moderne zu überführen. Denn während die Stadt teure Autobahnen und Schnellstraßen baut, ist der elektrische Nahverkehr nur eine Randbaustelle.

Inzwischen eine Seltenheit sind die LM-68M, die seit den 1980er Jahren das Gesicht der Leningrader Straßenbahn prägten. Noch gut drei Dutzend davon gibt es. Häufigster Wagentyp sind die stark in die Jahre gekommenen Gelenkwagen vom Typ LVS-86, von denen fast 400 Stück durch die Stadt rollen. Eine weitere große Wagengruppe bilden die Vierachser vom Typ LM-99 (rund 190 Stück). Knapp 50 Wagen vom sechsachsigen Gelenkwagentyp LVS-97 sind ebenfalls noch im Einsatz. Alle anderen Wagentypen kommen mit jeweils weniger als 30 Wagen vor, einige nur mit einzelnen Exemplaren.

Die nachfolgenden Impressionen entstanden im Stadtzentrum St. Petersburgs. Besonders auf den hier beheimateten Linien (3, 6 und 40) lassen sich viele der eingesetzten Wagentypen ablichten.

Impressionen vom 29.05.-03.06.2016

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Wir beginnen unsere kleine Tour durch St. Petersburg am Kronwerskij Prospekt, der Vergnügungsmeile der Stadt nahe dem Zoo. Hier treffen wir auf den LVS-86K 3421 auf der Linie 6. Das eingerüstete Gebäude im Hintergrund beheimatet heute die Universität für Informationstechnik, Mechanik und Optik (GU ITMO).
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In der Nähe des Tierparks rollt ein Wagen heran, der bis Dezember 2015 noch zum Arbeitswagenpark gehörte. Insgesamt fünf Wagen des Typs 71-88G wurden für den Linienverkehr umgebaut. Grund dafür sind die ab 14. Juni laufenden Bauarbeiten an der Tutschkow-Brücke. Ihretwegen endet die neue Linie 6a dann stumpf vor der Brücke, was den Einsatz von Zweirichtern nötig macht.
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Die Wagen vom Typ 71-88G basieren auf den LM-68M-Vierachsern, kamen in St. Petersburg bisher aber nur in Ausnahmefällen im Liniendienst zum Einsatz. 3609 trug bis zum Umbau die Nummer 5706. Leider habe ich von diesem Wagen kein Bild im Archiv.
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Da schon seit Jahren nur unverhältnismäßig wenige Neuwagen von der Stadt eingekauft werden, muss sich der Verkehrsbetrieb mit Umbauten behelfen. Hier der Wagen 5409, der 2012 aus LM-68M 5504 entstanden ist. Die neue Bezeichnug lautet nun LM-68M2, im Betrieb werden sie „Ljaguschka“ (Frosch) genannt.
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Zwischen 1909 und 1920 entstand die große St. Petersburger Moschee im Jugendstil mit orientalischen Anklängen. An ihr rollt LVS-86K 3403 auf der Linie 6 vorbei.
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Ebenfalls vor der Moschee treffen wir auf diesen Zug aus 3506+3505. Auch hierbei handelt es sich offiziell um eine Modernisierung von LM-68M-Vierachsern, die Typenbezeichnung lautet LM-68M3. Die Petersburger Waggonfabrik „Oktjabrskij“ (OEWRS) baute 2015/16 aus vorhandenem Wagenmaterial 14 Zweirichter, die vornehmlich Heck-an-Heck gekuppelt unterwegs sind. Die Nummern der Ursprungswagen sind nicht bekannt.
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Hier ein Blick auf den geführten Wagen 3505. Auch bei den neuen Wagen wird konsequent auf die richtige Beleuchtung der sogenannten „Soffiten“ geachtet, kleine farbige Leuchten, die je nach Linie andere Farbkombinationen zeigen. Die Linie 6 hat die Kombination blau-blau.
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Noch einer der umgebauten 71-88G kommt uns unweit des Theaters „Baltijskij Dom“ ebenfalls am Kronwerk entgegen. Von seinem ursprünglichen Aussehen haben sich zwei Bilder im Archiv gefunden:
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Im Winter 2004 treffen wir auf S-7124 in der Schliefe Rybazkoe, die zugleich als Zweigstelle des Depots Nr.7 genutzt wird. Hier trägt der Wagen die damals für das Depot 7 übliche weiß-blaue Lackierung.
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Wieder Winter, diesmal 2010. Wagen S-7124 vor dem Hotel Moskwa.
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Zurück in die aktuelle Zeit. Eine weitere neue Wagengattung bilden die KTM-23-03 aus Ust Kataw, die es in der Form nur in St. Petersburg gibt. Wir sind dieser Bauform schon in Daugavpils begegnet, die St. Petersburger Wagen sind jedoch Zweirichter (insgesamt 16 Stück), die ebenfalls Heck-an-Heck unterwegs sind. Hier der Zug aus 3716+3713. Einrichtungswagen gibt es von diesem Typ in St. Petersburg auch, ein Bild gelang jedoch leider nicht.
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Auch wenn dieser Wagen keine Ähnlichkeit mit dem „Frosch“ von oben hat, so läuft auch er unter der Bezeichnung LM-68M2. Genau wie der Frosch, stammt auch 5425 aus eigener Werkstatt. Er trug als LM-68M die Nummer 5685 und wurde Ende 2015 modernisiert. Dass der Wagen etwas retro erscheint, ist nicht verwunderlich: sein Design lehnt sich an die LM57 der 1950er Jahre an.
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Mit nicht ganz 200 Stück stellt der LM-99, der seit 1999 von der heute bankrotten St. Petersburger Straßenbahnfabrik (PTMS) geliefert wurde, heute die größte Gruppe bei den Vierachsern dar. In zahlreichen Modifikationen ist er in der Stadt überall präsent. Hier Wagen 3920. Man beachte den Stromabnehmer.
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Ebenfalls ein LM-99 ist 8330, Baujahr 2003. Er zeigt noch das ursprüngliche Aussehen der ersten Jahre mit der halben Tür im vorderen Bereich.
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1990 wurde LVS-86K 3067 gebaut. Er ist auf der Linie 40 unterwegs, als wir ihm am Kronwerk begegnen.
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Sie waren einst das Markenzeichen der St. Petersburger Straßenbahn, die LM-68M. Weit mehrs als 2.000 Fahrzeuge dieses Typs wurden für Leningrad seit Mitte der 1970er Jahre gebaut. Heute trift man die letzten rund 30 originalen Vierachser nur noch selten und meist Solo. Hier Wagen 5446 von 1983.
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In den Sommermonaten gibt es an Wochenden inzwischen wieder eine Retro-Linie in St. Petersburg. Auf ihr setzt das Nahverkehrsmuseum seine MS-Flotte ein. Hier der Wagen 2642 der 1993 als einer der ersten Museumswagen hergerichtet wurde.
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2642 wurde übrigens 1932 gebaut und war nach dem Ausscheiden aus dem Liniendienst als Arbeitswagen im Einsatz. Bis 2007 gehörte sein Beiwagen 2384 untrennbar dazu. Heute ist er nur noch solo unterwegs, der Beiwagen an einen anderen Triebwagen angehängt.
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LM-99 3915 ist auf der Linie 6 unterwegs. Ihm folgt eine weiteres einst absolut prägendes Fahrzeug für Leningrad …
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… Wagen G-67 der Güterstraßenbahn. Beispiellos war einst der Umfang des Leningrader Güterstraßenbahnnetzes. Fast jede Fabrik der Stadt hatte einen eigenen Gleisanschluss. Heute ist dieser Teil der Tramgeschichte längst vorbei …
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… und nur eine handvoll dieser Wagen hat bis heute überlebt und ist in den Museumsbestand übergegangen. G-67 trägt auf seiner offenen Güterplattform eine kleine Ausstellung über die Leningrader Blockade, das dunkelste Kapitel der Stadtgeschichte.
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Am Marsfeld, wo diese Aufnahme wenig später entstand, verkehren keine Linienwagen mehr. Mit den Museumswagen kann man hier jedoch entlangrollen. Gut zu erkennen sind die Plakate mit Szenen des Alltagslebens Leningrads während der 900tägigen Belagerung der Stadt durch die Wehrmacht von 1941-1944.
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Wir machen uns auf den Weg zum Heumarkt, dem wichtigsten Schauplatz aus Dostojewskis Roman „Schuld und Sühne“ (oder „Verbrechen und Strafe“), auf dem dessen Held Raskolnikow ständig herumirrt. Heute wäre dies kaum noch möglich, der Platz ist zu einer völlig zugestauten Autokreuzung verkommen. Die Straßenbahn endet an einer unsinnigen Stumpfendstelle, anstatt die Fahrgäste wenigstens bis zu Metro zu bringen – die Gleise sind vorhanden. Hier der KTM-23-Zug aus 3701+3702, nachdem er sich durch das Autoknäuel gewühlt hat.
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Auf dem Heumarkt treffen wir auch einen weiteren Fahrzeugtypen, den BKM 84300M 5211. Von diesen aus Weißrussland stammenden Niederflurwagen besitzt St. Petersburg ganze drei Stück, die nur auf dieser kurzen Linie 3 eingesetzt werden.
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Ganze fünfzehn Wagen besitzt St. Petersburg vom Ust Katawer Gelenkwagen KTM-31. Neben St. Petersburg gibt es diese Fahrzeuge sonst nur noch in Daugavpils, dort jedoch als Einrichter.
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Zurück ans Kronwerk und zurück zu den nunmehr seltenen LM-68M. 5447, hier auf der Linie 40,  wurde im Juni 1986 an den Betrieb übergeben. Die rustikale Lackierung unterstreicht das nostalgische Flair weiter.
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Etwas besonderes ist LVS-86K 3001. Abweichend von den anderen Wagen seiner Serie verfügt er über eine vergrößerte Fahrerkabine analog zu den LVS-97. Die vordere Doppelfalttür dient allein dem Fahrer. Wie inzwischen bei allen Hauptuntersuchungen üblich, hat auch 3001 eine neue Front analog zu den LM-99 bekommen.
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Dass sich hinter diesen beiden Wagen Vierachser aus den 1980er Jahren verbergen sollen, lässt sich schwer glauben. Viele Originalteile werden aber sicher auch nicht mehr dran sein. Hier der Zug aus 3511+3512, der wenige Sekunden später auf einen Doppelgänger trifft …
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… 3508+3507.
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3601 war der erste Vierachser, der 2014 nach dem Retro-Muster umgebaut wurde. Hier treffen wir ihn an der Metrostation Gorkowskaja.
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Fast die gleiche Stelle und derselbe Wagen nur in Gegenrichtung.
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Hatte die Retromodernisierung der Verkehrsbetrieb in seiner Hauptwerkstatt selbst durchgeführt, so wurde 3605 vom Oktjabrskij-Werk modernisiert.
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An der Uliza Kujbyshewa, unweit der Peter-Pauls-Festung kommt uns das Gespann aus 3707 und 3708 entgegen.
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Einen weiteren KTM-23-Zug treffen wir am Finnischen Bahnhof. Die Linie 6 endet hier und fährt ohne wirkliche Pause zurück Richtung Wassilij-Insel.
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Wagen des Depots Nr.7 kamen in unserem Rundgang bisher noch nicht vor. Hier wenigstens einer der LVS-86 des Depots, 7013. Auch die Linie 23 endet am Finnischen Bahnhof, sie wendet jedoch über das Gegengleis.
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Recht selten trifft man in Piter (so nennen die Einwohner ihre Stadt) noch Wagen in dieser Lackierung. Wagen 3005 auf der Linie 30. Das Portal rechts ist ein Rest des alten Finnischen Bahnhofes, an dem Lenin im April 1917 aus dem Exil in der Schweiz in Petrograd ankam. Wahrscheinlich ist er durch dieses Tor gegangen, sonst hätte man es wohl auch abgerissen. Die Lokomotive, die den verplombten Wagen Lenins zog, steht ebenfalls auf dem Bahnhof.
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Leninportal und Retrowagen des Depots 7 … Nostalgie pur.
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Ein letztes Bild aus einem der Außenbezirke St. Petersburgs – Staraja Derewnja. Wagen 5045 hat seinen Dienst für heute hinter sich und rückt zum Feierabend ins Depot (nur in St. Petersburg heißen die Betriebshöfe „Park“) ein. Die weißen Nächte lassen die späte Stunde vergessen…

Mehr Informationen über die Straßenbahn in St. Petersburg / Petrograd / Leningrad oder ganz einfach „Piter“ findest du auf unserer Seite www.piter-tram.de (nicht mehr ganz aktuell).

Weitere Bilder aus St. Petersburg und anderen Städten Europas gibt es in unserem Flickr-Profil.


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2 Kommentare zu „Noch ein Blick nach Osten: St. Petersburg

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