Die Straßenbahn in Riga

Als letzter der drei Straßenbahnbetriebe Lettlands, soll heute der Hauptstadtbetrieb vorgestellt werden (Teil 1 zu Liepaja findet sich hier, Teil 2 zu Daugavpils hier). Mit rund 640.000 Einwohnern ist Riga die weitaus größte Stadt Lettlands und hat auch das größte der drei Straßenbahnnetze mit einer Streckenlänge von 99,5 km.

Kurz zur Geschichte

Bereits 1882 wurde ein Vorgängerbetrieb mit Pferden eröffnet und ab 1900 begann die Elektrifizierung des Netzes. Bis zum Ersten Weltkrieg hatte das Netz eine Ausdehnung von knapp 50 km erreicht. Im Zuge des Ersten Weltkrieges gelangte ein erheblicher Teil des Fahrzeugparks und andere Betriebsgeräte nach Moskau und Sankt-Petersburg. Nach dem Ende des Krieges und der damit verbundenen Unabhängigkeit Lettlands, ging der Verkehrsbetrieb in private Hände über. Die belgischen Investoren waren jedoch mehr an der Gewinnmaximierung interessiert, als an Investitionen in den Betrieb. Als die Stadt die Straßenbahn 1931 übernahm, war sie in einem erbärmlichen Zustand. Alle späteren Investitionen wurden durch den Zweiten Weltkrieg wieder zunichte gemacht, als große Teile des Fuhrparks und der Infrastruktur zerstört wurden.

Nach den Zerstörungen des Zweiten Weltkrieges begann erneut der Wiederaufbau und zum Straßenbahnbetrieb gesellte sich ab 1947 auch der Obus hinzu. Interessant ist vielleicht, dass der Tram- und Trolleybus Trust (TTT) einen gleichnamigen Frauenbasketballclub gründete, der heute in Europa der Club mit den meisten Titelgewinnen ist.

Die Einführung des Obusses führte zu einem zeitweiligen Niedergang der Straßenbahn, etliche Linien wurden eingestellt. Erst mit der Eröffnung der Neubaustrecke nach Imanta (Linie 4) wurde dieser Trend gestoppt.

Der Wagenpark

Heute gibt es noch zwei Straßenbahndepots in Riga. Das Depot Nr. 3 bedient die Linien 2,3,4,5,7,9 und 10, das Depot 5 die Linien 4,6,10 und 11. Im Depot Nr. 5 sind auch die 26 Niederflurwagen vom Typ 15T (dreiteilig) bzw. die 15T1 (vierteilig) untergebracht. Das zum 01.11.2010 geschlossene Depot Nr.4 dient heute nur noch der Unterstellung von Reserve- und Schadwagen.

Insgesamt kann Riga über rund 200 Straßenbahnwagen verfügen, die sich in drei Hauptgruppen einteilen lassen: die Tatrawagen der Typen T3A (rund 130 Stück) und T6B5 bzw. T3M (rund 40 Stück), sowie die Skoda-Niederflurwagen des Typs 15T (20 Stück) bzw. 15T1 (6 Stück).

Gefahren wird wie in Daugavpils auf russischer Breitspur und wie dort, kommt auch in Riga noch immer der Stangenstromabnehmer zum Einsatz. Mit der Anlieferung der Niederflurwagen haben jedoch auch Pantographen in Riga Einzug gehalten, so dass seit 2010 das Leitungsnetz stellenweise für den Einsatz beider Stromabnehmerarten umgerüstet werden musste. Im März 2010 kam der erste Skoda in Riga an, die letzten Wagen erreichten die Stadt 2012. Seit Januar 2013 sind diese Wagen auf den Linien 6 und 11 im Einsatz.

Im Juni 2014 endete der ausschließliche Einsatz von Tatra-Traktionen in Riga. Seither sind auch Solowagen (besonders auf den Linien 2 und 10) anzutreffen. Im selben Jahr begann man bei den Verkehrsbetrieben (Rīgas satiksme) auch mit der Umlackierung der Straßenbahnwagen. Waren sie bis dahin noch dreifarbig lackiert (dunkelblaues Dach, türkisfarbenes Fensterband, hellgraue Bauchbinde und dunkelblaue Schürze), so ist heute der größte Teil der Wagen zweifarbig blau-weiß im Einsatz.

Obwohl Riga heute noch ein Tatra-Paradies ist, wurden inzwischen Dutzende Wagen entweder verschrottet oder in andere Städte abgegeben. Besonders in den ukrainischen Städten Charkiw, Odessa und Donezk sind Wagen aus Riga zu finden. Bis zum Jahre 2032 sollen alle Linien mit Niederflurwagen bedient werden. Die Linie 4 nach Imanta steht als nächste auf dem Plan zur Umrüstung. Bis 2017 soll diese abgeschlossen werden.

Noch drei Besonderheiten zum Schluss. Die Nummern der Wagen erscheinen auf den ersten Blick etwas kompliziert. Sie bestehen aus fünf Ziffern, wobei die erste die Nummer des Heimatdepots anzeigt, die nächsten drei die eigentliche Wagennummer darstellen und die letzte Ziffer lediglich eine EDV-Kontrollziffer ist.

Nicht weniger interessant sind übrigens die Sprengwagen, von denen an trockenen Tagen zwei Stück kursieren. Sie halten die Gleise feucht, um das Stauben zu unterdrücken.

Laut einer Umfrage der Europäischen Kommission aus dem Jahre 2013, befindet sich Riga auf Platz drei in Europa, wenn es um die Zufriedenheit der Einwohner mit ihrem ÖPNV geht. Diese Zahl spricht für sich.

Impressionen vom 17., 19. und 20. Mai 2016.

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Bei einem Blick über die Mauer des Depots Nr. 3 treffen wir auf Arbeitswagen 88025 …
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… er ist einer der drei Rangierwagen des Betriebes und ist zum Zweirichter umgebaut.
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Direkt an der Einfahrt zum Hof begegnen wir dem Zug aus T3M 521+528. Wir steigen ein und fahren bis zur Wendeschleife „Dole“ am gleichnamigen Einkaufszentrum.
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Hauptsächlich wendet hier die Linie 7, wie hier der Zug aus 513+514.
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Deutlich seltener gesellt sich auch ein Zug der Linie 3 dazu. Machen wir uns zunächst von hier auf in das Stadtzentrum.
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Gab es früher nur Traktionen, so sind seit Juni 2014 auch Solowagen in der Stadt anzutreffen. Wagen 103 an der Nationaloper.
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An der gleichen Stelle kommt uns der Zug aus 087+088 entgegen.
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Die Krisjana Barona iela ist eine der prächtigsten Straßen Rigas. Neben dichtem Tramverkehr bestimmte beim Besuch im Mai vor allem die Baustelle das Bild.
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Eher ein „Sprüh-“ als ein Sprengwagen ist 88024, dem wir hier in der Krisjana Barona iela begegnen. Wir werden ihn ganz zum Schluss noch einmal sehen.
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Vom prachtvollen Stadtzentrum geht es zu den Markthallen des Centraltirgus (Zentralmarkt). Die Linie 4 hat die Haltestelle soeben erreicht.
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Beeindruckend sind die Markthallen, die einst im Luftschiffhafen Wainoden als Werfthallen dienten. Nach dem Ende des Ersten Weltkrieges kaufte die Stadt Riga die Hallen und ließ sie auf ihrem Marktplatz aufstellen. Auch Tatra T3A 070 stellt eine Besonderheit dar. Er ist einer der wenigen Wagen, die im Mai 2016 noch in der alten Lackierung unterwegs waren.
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Über die Schleife am Centraltirgus wenden die Linien 2,4 und 10. Hier ein T3A-Zug der Linie 10 kurz nach Unterfahrung der Gleisanlagen des Hauptbahnhofes.
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Auf zur nächsten Runde heißt es für Solo-TW 072. Im Hintergrund der Rigaer Fernsehturm von 1986. Er ist 50 cm höher als der Berliner und damit der höchste in der EU.
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Fast an gleicher Stelle entstand das Bild vom Zug aus 099+100. Rechts kann man den Turm des Fernsehsendezentrums auf der Insel Zakusala erkennen.
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Zurück an den Markthallen treffen wir einen weiteren T3A-Zug, 036 mit 037 im Schlepptau. Sie haben ihren Dienst für heute hinter sich und sind auf dem Weg ins Depot Nr.3.
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Noch im Einsatz blieben an jenem Maiabend hingegen T3M 213 und 214. Hinter ihnen ist eines der Lagerhäuser des Spikeri-Viertels zu sehen, einem wichtigen Handelsplatz im alten Riga.
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Das neue Riga kann man auf diesem Foto erahnen. Während die Altstadtseite fast ohne Hochhäuser auskommt, erheben sich hinter dem Zug aus 169+170 gleich drei dominante Neubauten. Beeindruckend auch die Vansu-Brücke im Hintergrund. Sie ist mit 625m Länge die längste Schrägseilbrücke in Europa.
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Wie der Zug zuvor, so kommt auch dieses Gespann aus 074+075 gerade von der Steinernen Brücke in die Stadt gerollt. Rechts neben dem Zug das Gebäude der TU Riga. Das Gebäude im Stile des sozialistischen Klassizismus ersetzt seit 1958 im Krieg zerstörte Bauten.
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Der große Straßenbahnknotenpunkt am Bahnhof zeichnet sich durch regen Tramverkehr aus. Links erkennt man die große Eisenbahnbrücke über die Daugava.
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Hier der Zug aus 032+033 beim Passieren des Abzweigs Richtung Markthallen.
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Genau aus dieser Richtung kommt der Zug der Linie 7 aus T3M 523+524.
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Ihm folgt ein Zug der Linie 4, die an dieser Stelle links abbiegt.
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Wir sind dem Verlauf der Linie 7 noch einmal in Richtung Dole gefolgt. Direkt hinter der Salu-Autobahnbrücke treffen wir auf dieses T3M-Gespann.
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Das ganze Viertel der Moskauer Vorstadt entlang der Moskauer Straße ist geprägt von Mietskasernen und den kleinen typischen Holzhäusern.
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Fast schon dörflich mutet diese Szenerie an.
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Und auch dieser Zug aus 521+522 scheint eher durch eine skandinavische Kleinstadt zu rollen, als durch die lettische Hauptstadt.
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Kurz vor dem Betriebshof Nr.3 treffen wir auf diese T3M-Pärchen aus 527 und 528. Auffällig ist übrigens der extrem hohe Anteil an Kopfsteinpflaster in der Stadt. Auch rekonstruierte Straßen werden wieder gepflastert, was dem Erscheinungsbild der Stadt sehr zuträglich ist.
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Dem zweiten Sprengwagen begegnen wir bei der Ausfahrt vom Hof Nr.3. Der Fahrer hat die Mittagspause genutzt, um den Kessel wieder zu füllen und macht sich nun auf den Weg nach Dole.
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Von dort zurückgekehrt rollt 88023 in Richtung Stadtzentrum in der Moskauer Straße an uns vorbei.
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Wir haben die Linie 4 genommen und uns auf den Weg Richtung Imanta gemacht. Kurz vor der Haltestelle Kleistu iela kommt uns ein T3A-Gespann entgegen.
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Die Plattenbaugebiete Rigas sind durch viel Grün geprägt. Auf seinem wilden Rasengleis rollt uns T3A 105 entgegen …
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… den wir hier bei der Ausfahrt aus der Haltestelle Anninmuizas bulvaris noch einmal aus der Nähe betrachten können.
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Begegnung an der Schleife Imanata. Der Zug der Linie 4 ist auf dem Weg in die Stadt. Gut zu erkennen ist, dass die zweiten Triebwagen in der Regel keine Scheinwerfer haben.
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Geduld braucht man für Fotos auf der Linie 2, die in der Regeln nur alle 30 Minuten fährt. Hier der Solo-TW 072 an der Haltestelle Jurmalas Gatve …
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… und in der kleinen Wendeschleife an der Tapesu iela.
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Entlang einer Gütereisenbahnstrecke und eines Garagenkomplexes verläuft die sonst landschaftlich sehr reizvoll verlaufende Tapesu iela. Wir nehmen T3A 004 und fahren zurück in die Stadt.
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Da die Linie 2 am Bahnhof Zasulauks eine kleine Pause einlegt, können wir den Wagen hier noch einmal betrachten.
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Zurück in der Innenstadt begegnen wir einem der letzten Züge in alter Lackierung. 074 und 075 sind auf der Linie 4 im Einsatz.
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Bisher bildmäßig stiefmütterlich behandelt wurden die Skoda-Wagen. Hier also zwei Bilder dieser jüngsten Tram-Generation. In der frisch gepflasterten Krisjana Barona iela treffen wir auf den dreiteiligen 719 der 2011 nach Riga kam.
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Seinen Bruder 715 treffen wir ebenfalls auf der Krisjana Barona iela. Die Straße wird begleitet von Bauten der Jahrhundertwende, die fast allesamt einen beeindruckenden Fassadenschmuck im Jugendstil oder Historismus zeigen.
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Vor der Kulisse der Petrikirche passiert dieses Tatra-Pärchen die Akmens-Brücke. Die Brücke ist die einzige mit Straßenbahnverkehr über die Daugava. Sie wurde 1957 im Stile des sozialistischen Realismus erbaut.
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An einen Alpengipfel erinnert der 2014 eröffnete Neubau der lettischen Nationalbibliothek. Auf 13 Stockwerken ist die rund fünf Millionen Titel umfassende Sammlung untergebracht. Hier 051+052 vor dem imposanten Gebäude.
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Ein letztes Bild von der Akmens-Brücke. In die letzten Sonnenstrahlen des 19. Mai getaucht, passiert der Zug mit 151 an der Spitze die imposante Petrikirche aus dem 15. Jahrhundert. Sie ist eines der bedeutendsten Bauwerke der Backsteingotik. Ihr barocker Turmhelm hat ein Pendant in Deutschland: auch die Marienkirche in Zwickau trägt diese beeindruckende Spitze.
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Wir beenden unseren Rundgang durch Riga mit einem Bild vom 20. Mai 2016 und dem Sprengwagen 88024 am Bahnhofsknoten.

Wir verlassen den Ostseeraum mit diesem letzten Teil zu Lettland jedoch noch nicht ganz. Hier gibt es noch einen kleinen Teil über die Straßenbahn im russischen St. Petersburg.

Diese und viele weitere Straßenbahnfotos aus vielen Ländern Europas findest Du in unserem tram2000-Flickr Profil.


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tramreise-2017-petersburg_02

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3 Kommentare zu „Die Straßenbahn in Riga

  1. Die Nummerierung der Arbeitswagen folgt aber nicht dem oben beschriebenen Schema. Da scheinen Fahrzeuge der gleichen Funktion eine Nummerngruppe zu erhalten (z.B. Sprengwagen die 802) und werden nur durch die Kontrollziffer unterschieden.

    Die T6B5 lassen sich in zwei Untergruppen einteilen: 501-530 wurden 2005-2007 zu T6B5-R modernisiert. Während ein Großteil der verbliebenen T6B5 abgestellt wurden, erhielten die vier T6B5-Doppeltraktionen 32091/32101, 32178/32189, 32134/32145 und 32036/32047 zwischen Juni 2009 und Januar 2010 eine Grundüberholung, behielten jedoch ihre Wagennummern in der 200er Reihe.

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