Die Straßenbahn von Daugavpils

Im zweiten Teil unserer Serie über die Straßenbahnbetriebe Lettlands geht es um Daugavpils. Mit ihren knapp 100.000 Einwohnern ist Dünaburg, wie die Stadt auf Deutsch heißt, die zweitgrößte des Landes. Die elektrische Straßenbahn, die auf einem 28 km langen Streckennetz und drei Linien unterwegs ist, verkehrt erst seit 1946. Es gab bereits seit 1895 Bestrebungen die Industriestadt mit ihren zahlreichen Betrieben per Straßenbahn zu erschließen. Die Wirren des 20. Jahrhunderts ließen eine Realisierung der Pläne jedoch nicht zu. Erst nachdem Lettland nach dem Zweiten Weltkrieg wieder an Russland fiel, nahm man die Planungen für eine Elektrische erneut auf. Am 11. Juni 1946 begannen die Bauarbeiten für die erste Linie und bis 1962 hatte das Straßenbahnnetz seine heutige Ausdehnung erreicht.

Investitionen und Wagenpark

Ähnlich wie in Liepaja ist man auch in Daugavpils sehr auf die Erneuerung des Straßenbahnbetriebes bedacht. Neben zahlreichen Streckenerneuerungen wird derzeit auch die Verlängerung der Linie 3 zum Krankenhaus am Stropi-See im Osten der Stadt diksutiert.

Vor allem legt man hier jedoch großen Wert auf die Erneuerung des Wagenparks.
Der Betrieb setzt beim Neukauf auf Straßenbahnwagen aus Russland, namentlich der Waggonfabrik in Ust-Kataw. Dieser Betrieb im Ural war Hauptlieferant für die Standardwagen der UdSSR, von denen auch Daugavpils eine handvoll abbekam.

Möglich ist der Einsatz der russischen Fahrzeuge, da in Daugavpils (im Gegensatz zu Liepaja und Riga) auf russischer Breitspur gefahren wird. So kaufte der Betrieb im Jahre 2014 insgesamt 12 neue Straßenbahnwagen in Russland ein, darunter acht Wagen des vierachsigen Typs KTM-23 (Nr. 001 – 008) und vier Wagen des sechsachsigen Gelenkwagens KTM-31 (Nr. 009 – 012). Während die Gelenkwagen außer in Daugavpils nur noch in St. Petersburg eingesetzt werden, verkehren die KTM-23 auch in zahlreichen anderen Städten der ehemaligen UdSSR.Obwohl in Lettland penibel darauf geachtet wird, dass in den Fahrzeugen keine russischen Anschriften auftauchen, sind die Türen der Wagen mit dem russischen Hinweis „ne prislonjatsja“ (nicht anlehnen) versehen.

Neben diesen neuen Wagen, die in der EU allesamt einmalig sind, werden auch noch Wagen des Typs KTM-5 eingesetzt (12 Stück, Nr. 101 – 112) und auch der einzige KTM-8 in der EU ist hier zu finden. Er trägt die Nummer 114.

Zu diesen russisch/sowjetischen Wagen kommen noch 12 modernisierte Tatra T3, die 2002 aus Schwerin übernommen wurden. Von diesen Fahrzeugen mit den Nummern 070 – 081 sind noch 10 im Einsatz. Wagen 081, der diese Nummer nie angeschrieben bekam, gelangte nie in den Verkehr und dient als Ersatzteilspender (ex Schwerin 247). Wagen 076 steht seit einem Unfall mit einem LKW im Jahre 2008 ausgemustert im Depot. In Daugavpils sind die Wagen inzwischen nicht mehr sehr beliebt, ihre Elektronik macht der Werkstatt zu schaffen.

Ein zunächst 2014 bei der weißrussischen Waggonfabrik Belkommunmash gekaufter Vierachser vom Typ BKM 62103 wurde zwar geliefert, letztlich aber nicht abgenommen und an den Betrieb zurückgeschickt. Dem Lieferanten war es wohl nicht gelungen, die entsprechenden Doukumentationen in lettischer Sprache bereitzustellen.

Nicht mehr im Einsatz – der RWS-6

Seit Ende Januar 2016 ist der über Jahre hinweg prägende Straßenbahntyp RWS-6M2 nicht mehr im Einsatz. Weit über 60 Stück hatte der Verkehrsbetrieb zwischen 1975 und 1988 geliefert bekommen. Zuletzt waren noch 13 Wagen vorhanden. Wagen Nr. 061 kann weiterhin für Sonderfahrten gemietet werden, 046 wurde mit der Nummer 1946 als Denkmal vor der Werkstatt an der 18. Novembra iiela aufgestellt. Er soll mit seiner Nummer an das 60jährige Bestehen des Betriebes erinnern, welches in diesem Jahr gefeiert wird. Da die Stadtregierung letztlich über ihre Verschrottung der Wagen entscheiden muss, warten die übrigen auf ihr weiteres Schicksal. Einsetzen will man sie definitiv nicht mehr.

Besonderheiten

Neben dem für EU-Länder sehr exotischen Wagenpark, fallen bei der Straßenbahn in Daugavpils auch noch andere Besonderheiten auf. So etwa die Stangenstromabnehmer, die sogar auf den neuen Niederflurwagen angebracht sind. Außerdem ist die Straßenbahn in Daugavpils die letzte in Lettland, die noch ausschließlich mit Schaffnerinnen betrieben wird. In den Gelenkwagen gibt es sogar zwei Damen, die die 0,43 Euro Fahrgeld kassieren.

Impressionen vom 16.05.2016

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Unseren Rundgang durch Daugavpils beginnen wir am Bahnhof der Stadt. Hier treffen wir auf KTM-23 Nr.007, der in diesem Augenblick das Ziel seiner Fahrt, die Wendeschleife Stacija erreicht.
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Statt der Linie 1 zu folgen, begeben wir uns zunächst an die ebenfalls in Bahnhofsnähe verkehrende Linie 3. An der Station Balvu iela treffen wir auf den wenige Monate vor dem Ende der Sowjetunion gebauten KTM-5 Nr. 105.
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KTM-5 106 wurde ebenfalls 1991 gebaut. Hier sehen wir ihn zunächst in der Cietoksna iela …
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… und nach wenigen Minuten bei seiner Rückfahrt in Richtung Stadt. Er hatte zuvor an der Schleife Cietoksnis gewendet.
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Einen interessanten Abzweig stellt die Kreuzung Parades iela / Cietoksna iela dar. Um stadtauswärts abbiegen zu können, muss die Linie 3 erst ein kurzes Stück auf dem Gegengleis fahren. Hier KTM-5 103.
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Ihm folgt ein jüngerer Bruder aus der selben Wagenschmiede. Zwischen beiden Fahrzeugen liegen knapp 25 Jahre.
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Vom Stadtzentrum geht es weiter auf den Betriebshof an der Butlerova iela. Er dient zugleich als Endstation der Linien 1 und 2. Wagen 247 ist das egal, er ist seit seiner Ankunft aus Schwerin nie mehr zum Einsatz gekommen. Offiziell trägt er die Nummer 081.
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Hinter ihm steht eine Reihe weiterer KTM-5, die hier nur kurz zwischengeparkt sind. Zunächst Wagen 111 …
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… und dahinter 107.
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Der frühere Schweriner T3 072 (ex Schwerin 150) steht mit schadhafter Elektronik in der Werkstatthalle des Hofes. Dahinter sein „Beiwagen“ 073 (ex 250).
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Für seinen Einsatz im Nachmittagsverkehr steht KTM-5 Nr. 108 bereit. Er wird auf der Linie 2 rollen.
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Ebenfalls auf seinen Einsatz wartet KTM-23 Nr. 008 …
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… und KTM-5 110. Sein Gesicht prägt bis heute Dutzende Straßenbahnbetriebe in allen Ländern der ehemaligen UdSSR. Er ist der meistgebaute Straßenbahntyp aller Zeiten mit knapp 15.000 hergestellten Exemplaren.
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Einträchtig nebeneinander stehen hier Straßenbahnwagen unterschiedlicher Epochen: die früheren Schweriner 074 (ex 152) und 075 (ex 252), sowie der aus dem Ural stammende KTM-31 Nr. 009.
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Ursprünglich aus Riga stammt der Schienenschleifwagen 403. Diese Nummer trug er auch dort schon. Wann er nach Daugavpils kam, konnte nicht in Erfahrung gebracht werden.
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Einen gut gepflegten Eindruck macht RWS-6 Nr. 063 nur auf den ersten Blick. Nach rund 30 Jahren Einsatz sind diese Fahrzeuge nunmehr abgestellt.
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Seit 2008 steht der frühere Schweriner T3 101 (Daugavpils 076) mit einem Unfallschaden abgestellt im Depot. Er dient ebenfalls als Ersatzteilspender. Neben ihm der RWS-6 058.
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Sehen die Wagen von außen bereits rustikal aus, so kommt innen erst recht ein nostalgisches Gefühl auf …
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… besonders, wenn man den Arbeitsplatz des Fahrers betrachtet.
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Bessere Zeiten hat KTM-5 101 noch vor sich. Er ist frisch hauptuntersucht und wartet auf seinen ersten Linieneinsatz.
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Der Schneepflug GS-4 könnte einer der am häufigsten in Serien produzierten Arbeitswagen bei der Straßenbahn sein. Noch heute sind in knapp 200 Exemplare in Städten in ganz Russland und anderen Staaten vorhanden. Auch Daugavpils besitzt einen. Er wurde in den 1980er Jahren gebaut.
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Etliche Jahre mehr hat der Schneepflug S-37 auf dem Buckel. Die Wagen dieses Typs, der als LS-3 (Leningradskij Snegoochistitel) bezeichnet wird, wurde in der Waggonfabrik WARS in Leningrad gebaut und beruht auf einer Konstruktion aus den 1920er Jahren. Die sowjetischen Ingenieure hatten sich an amerikanischen Wagen orientiert. In den Jahren zwischen 1948 und 1962 gebaut, gelangten auch etliche Wagen an andere Verkehrsbetriebe. Wie der Wagen vor seinem Umbau in den heutigen Zustand aussah, lassen die St. Petersburger Wagen erahnen.
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Nach dem Verlassen des Hofes treffen wir auf den einzigen KTM-5 mit Werbung. Wagen 112 wird in wenigen Augenblicken über die Schleife im Betriebshof wenden. Der Wagen bewirbt die Produkte der heimischen Großbäckerei „Latvijas Maiznieks“, die 1968 gegründet wurde. Dort endet auch die Linie 2 (in Gegenrichtung zu unserer Aufnahme). Die Endstaion hieß früher Forstadt, heute Maizes Kombinats.
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In der Valkas iela geht es sehr dörflich zu, die Seitenstraßen sind noch mit Sand befestigt und von zahlreichen kleinen Holz- und Steinhäuschen gesäumt. Wagen 007 bringt etwas Moderne in diese beschauliche Ecke der Stadt.
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In der Gegenrichtung kommt ihm KTM-5 Nr. 108 entgegen. Er wurde für die nachmittägliche HVZ ausgerückt. Ab 14 Uhr wird ein großer Teil der morgendlichen Wagen getauscht.
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Auf seiner letzten Fahrt für diesen Tag treffen wir KTM-8 114 in der Valkas iela. Dieser Wagen ist der einzige seiner Art in der EU und auch der einzige weltweit, der einen Stangenstromabnehmer trägt. Wagen dieses Typs gab und gibt es in vielen Betrieben Russlands und anderen Staaten. Sie sind als Kinder der 1990er Jahre mit zahlreichen Mängeln behaftet und erreichten nie die Verbreitung ihrer Vorgänger vom Typ KTM-5. Heute sind nurmehr rund 300 Wagen vorhanden. Er ist der zweite der beiden Vollwerbewagen der örtlichen Firma Latvijas Maiznieks.
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An alte Sowjetzeiten erinnert die Szenerie in der Smilsu iela, nur wenige Meter von den vorherigen Aufnahmen entfernt. Wohnblöcke und Straßenbahnwagen stammen jedenfalls aus einer Zeit, als dieses Land noch Lettische Sozialistische Sowjetrepublik hieß.
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Auch der äußerlich noch recht originalgetreu wirkende T3-Zug aus 070+071 (ex Schwerin 151 und 251) passt gut in die Szenerie.
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Dass sich die Zeiten jedoch geändert haben, verdeutlicht der KTM-31 Nr. 011. Er ist keine zwei Jahre alt.
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Unterdessen zurück aus der Stadt ist bereits 110, den wir hier in Gegenrichtung antreffen.
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Auch 012 ist aus dem Hof ausgerückt, um die Kapazitäten für die nachmittägliche HVZ  zu erhöhen. Sowohl die Tatra-Züge als auch die KTM-31 rücken nur am Nachmittag für wenige Runden aus.
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Auch das Tatra-Gespann aus 070 und 071 ist wieder auf dem Rückweg aus der Stadt in Richtung Betriebshof.
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In dieselbe Richtung ist das Pärchen aus 078 und 077 (ex Schwerin 104 und 201) unterwegs. Die Leisten rund um die Fenster sind Teil der weihnachtlichen Illumination des Zuges. Hier aufgenommen in der 18. Novembra iela, unmittelbar in der Nähe der kleinen Werkstatt.
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Vor dieser ist RWS-6M2 Nr. 046 als Denkmal aufgestellt. Anstelle seiner alten Nummer wurde jedoch die Zahl 1946 angeschrieben, die auf das Jahr der Inbetriebnahme der Straßenbahn verweist.
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Frisch saniert präsentiert sich die Gleisanlage der gesamten 18. Novembra iela. Bei wunderbaren Wetter macht sich der Zug aus 078 und 077 erneut auf den Weg in Richtung Stadt.
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Trotz Holzhäuschen und sowjetischen Standardwagen ist in Daugavpils die Zeit nicht stehen geblieben. Der Betrieb hat in den letzten Jahren viel Geld in die Sanierung der Infarstruktur investiert.
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KTm-5 112 hat soeben auch die 18. Novembra iela erreicht und rollt in Richtung Betriebshof .
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Genau aus dieser Richtung kommt uns KTm-31 Nr. 012 entgegen.

 

 

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Das letzte Bild gehört dem KTM-5 Nr. 106 auf der Linie 3.

Der erste Teil unserer Serie über die Straßenbahnbetriebe in Lettland hatte die Straßenbahn in Liepaja zum Thema, der letzte befasst sich mit Riga. Weitere Fotos rund um die Straßenbahnbetriebe Europas findest Du in unserer Flickr-Galerie.

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6 Kommentare zu „Die Straßenbahn von Daugavpils

  1. „Möglich ist der Einsatz der russischen Fahrzeuge, da in Daugavpils (im Gegensatz zu Liepaja und Riga) auf russischer Breitspur gefahren wird.“
    In Riga fahren die Straßenbahnen ebenfalls auf russischer Breitspur. War und ist aber kein Grund für den Betrieb Straßenbahnen aus Russland zu beschaffen 😉

    Gefällt 1 Person

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