Die Straßenbahn in Liepaja (Lettland)

Der Potstram-Blog beginnt heute eine kleine Serie über die Straßenbahnbetriebe in Lettland. In der letzten Wochen haben wir Riga, Daugavpils und Liepaja besucht – alles Städte, die mit einem interessanten Wagenpark und schönen Fotomotiven aufwarten können.

Der erste Teil führt nach Liepaja, einer Hafenstadt im Westen Lettlands, mit nicht ganz 80.000 Einwohnern. Der Wohlstand, den die Stadt mit ihrem Hafen erreichte, ermöglichte bereits 1899 die Einführung einer elektrischen Straßenbahn. Sie ist damit die älteste Elektrische im Baltikum. Bis in die 1960er Jahre hinein war Liepajas Straßenbahn das wichtigste Transportmittel der Stadt, dann begann der Niedergang. Bis 1976 wurden die meisten Strecken stillgelegt. Heute verkehrt nur noch eine Straßenbahnlinie in Liepaja, die als Linie „T“ in das ÖPNV-Schema integriert ist.

Der Niedergang der Straßenbahn ist inzwischen gestoppt und ins Gegenteil verkehrt. Seit Ende der 1990er Jahre wurde das völlig ruinierte Straßenbahnsystem nach und nach rekonstruiert. Im Jahr 2013 konnte eine bereits in den 1980er Jahren geplante Verlängerung in das Wohngebiet Ezerkrast (Name der Endstation: Mirdzas Kempas iela) in Betrieb genommen werden. Mit der Verlängerung entfiel die bisherige Endstation Centralie kapi (Zentralfriedhof). Sie ist zwar weiterhin mit dem Netz verbunden, da jedoch 400 Meter Oberleitung in der ungenutzten Schliefe entwendet wurden, ist ein Befahren derzeit nicht möglich. Eine Neuanbringung ist bisher aus finanziellen Gründen unterblieben.

Der Wagenpark

Mit der Verlängerung der Straßenbahn im Jahr 2013 ist die seither als Linie „T“ bezeichnete Tramlinie 15,8 km lang. Es sind 16 Triebwagen vom Typ KT4 vorhanden. Fünf davon wurden als KT4SU direkt an Liepaja geliefert (229, 231, 233-235). Elf weitere Wagen kamen zwischen 2000 und 2005 aus Cottbus (237, 238), Gera (239) und Erfurt (240 – 247) nach Liepaja. Einer der aus Erfurt übernommener Wagen (242) brannte im September 2009 vollständig aus. Es war der erste Brand eines Straßenbahnwagens in Liepaja überhaupt. Einziger Arbeitswagen ist ein Schneepflug auf Basis eines 1899 gebauten Herbrand-Zweiachsers.

Gefahren wird an Werktagen in einem Intervall von 7 Minuten, es kursieren nie mehr als 10 Wagen gleichzeitig. Am Wochende garantieren acht Wagen einen Acht-Minuten-Takt.

Perspektiven

Heute ist die Straßenbahn wieder das Hauptverkehrsmittel in Liepaja und soll ausgebaut werden. Zunächst wurden 2015 erhebliche Gleissanierungen durchgeführt, bei denen auch das komplizierte Ein- und Ausrücken aus dem Betriebshof vereinfacht wurde. Hatte man zuvor über eine Wendedreieck unter Nutzung eines Reststückes der ersten Straßenbahnlinie gewendet, ist der Betriebshof nun direkt an die Trasse in der Rigas iela angeschlossen. Auch die Außenabstellgleise des Hofes wurden erneuert.

Nachdem die Sanierung des Bestandsnetzes in Kürze abgeschlossen werden kann, widmet man sich verstärkt dem Ausbau des Netzes und plant den Neukauf von Niederflurwagen.

Impressionen vom 18.05.2016

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Die Endstation Brivibas iela befindet sich in einem kleinen Park unweit des Metallwerks. Einer der ehemals größten Arbeitgeber am Ort ist inziwschen pleite, was sich auch auf die Fahrgastzahlen auswirkt. KT4SU 235 startet in die nächste Runde.
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KT4SU 234 beim Einbiegen in die Wendeschleife an der Brivibas iela.
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Auf einem frisch sanierten Gleiskörper rollt der frühere Cottbuser Wagen Nr. 3 (heute 237)  in Richtung Brivibas iela auf der gleichnamigen Straße.
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KT4D 240 kam aus Erfurt nach Liepaja. Er trug dort einst die Nummer 457. Hier auf der Brivibas iela.
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Nicht im Linieneinsatz stand beim Besuch am 18.05.2016 der ehemalige Geraer Wagen 319. Vor die Linse kam der Wagen 239 jedoch trotzdem, er war als Probefahrt geschildert.
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Noch einmal zurück zum Metallbetrieb. Hier der ehemalige Erfurter Wagen 483 (heute 243) bei der Einfahrt in die Wendeschleife. Als einziger der eingesetzten Wagen war er werbefrei.
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Vom Norden der Stadt in den Süden und an die neue Wendeschleife im Wohngebiet Ezekrast. Den 12.000 Einwohnern steht seit 2013 auch die Straßenbahn zur Verfügung.
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Bevor die Straßenbahn vom Zentrum kommend das Wohngebiet Ezekrast erreicht, durchquert sie ein Viertel von Einfamilienhäsuern. Hier KT4D 240 in der Ventas iela.
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Wagen 236 hat eine sehr interessante Geschichte: 1990 gebaut kam er zunächst nach Erfurt und trug dort die Nummer 550. Schon 1991 wurde er nach Cottbus abgegeben, wo er zunächst die Nummer 69 erhielt. 1994 bekam er dort die Nummer 16 und wurde 1997 nach Brandenburg weitergegeben. 1999 ging er nach Cottbus zurück und wurde wiederum zum Wagen 16. Im Jahr 2000 wurde er an Liepaja abgegeben.  Hier treffen wir ihn in der Ventas iela.
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Zurück in die Stadt hat sich KT4SU 231 aufgemacht, der hier aus der Ventas iela in die Tukuma iela einbiegt.
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Im Zentrum angekommen rollt der ehemalige Erfurter 452 (heute 244) an der prächtigen Dreifaltigkeitskathedrale (erbaut 1742 – 1758) vorbei. Der 55 Meter hohe Glockenturm zeigt trotz seines Zustandes immer noch einen barocken Glanz.
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Im Stadtzentrum treffen wir auch wieder auf KT4SU 231 an der Haltestelle Kurzeme unweit der Universität.
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An der St. Joseph Kathedrale muss KT4D 237 eine kleine Anhöhe erklimmen. Als man in den 1980er Jahren noch Züge aus KT4 und unmotorisierten T4 einsetzte, war dieser Berg besonders abwärts bei den Fahrern gefürchtet. Die Züge bremsten nur widerwillig.
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Hinter KT4D 236 erhebt sich der Hauptturm der neoromanischen St. Joseph Kathedrale (erbaut 1894-1900) aus Danziger Ziegeln. Ansonsten ist das Stadtzentrum von teilweise prächtigen Holzhäusern und Bauten aus verschiedenen Epochen der Sowjetzeit geprägt.
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In der Krisjana Valdemara ilea, in der zuvor schon KT4SU 236 unterwegs war, kommt uns nun auch KT4D 246 (ex Erfurt 505) engegen. Die Grünfläche im Hintergrund trägt den Namen des ersten Präsidenten des unabhängigen Lettlands, Janis Cakste.
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Wagen 240 treffen wir hier am Eingang zum Kirchhof der St. Joseph Kathedrale. Er trägt Werbung für den Fussballklub FK Liepaja. Der Verein war bis 2014 Werkself des Metallbetriebes. Nach dessen Konkurs musste man allein weitermachen. 2015 war der Klub jedoch trotz allem lettischer Fussballmeister.
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Ein wenig lässt sich erahnen, wie barocke Pracht und sozialistischer Realismus in Liepajas Stadtzentrum miteinander konkurrieren. KT4D 243 kümmert das wenig, er dreht munter seine Runden.
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1960 wurde die neue Brücke über den Tierdzniecibas Kanal eröffnet. Sie ersetze die erste Straßenbahnbrücke von 1899. Es ist vorgesehen, im Zuge eines baldigen Neubaus der Brücke der Straßenbahn einen eigenen Gleiskörper zu geben.
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Und nocheinmal die Brücke über den unaussprechlichen Kanal. KT4D 244 macht übrigens Werbung für einen Pizzaservice.
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In der Rigas iela, die direkt zum Bahnhof führt, befindet sich auch der Betriebshof der Straßenbahn von Liepaja. Wagen 247 passiert den neuen Abzweig zum Hof. In der Nacht vom 23. auf den 24. Oktober 2015 wurde das alte Wendedreieck ausgebaut, über welches kompliziert gewendet werden musste. Dazu kreuzten ausrückende Wagen zunächst die Rigas iela und fuhren in die Baseina iela vorbei an dem roten Haus rechts im Bild. Von dort setzten sie in die Riga iela zurück.
20160518_Geisrest-Baseina
Ein Blick in die Baseina iela zeigt noch die Reste der Strecke, die bereits 1899 eröffnet wurde und bis vor kurzem noch als Wendedreieck diente. Bis in die 1970er Jahre wurde hier zweigleisig weiter in den Norden der Stadt gefahren.
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Es sind Backstein und Holzbauten, die die Gegend rund um den Bahnhof prägen. Hier KT4SU 231 auf seinem Weg zurück in die Stadt.
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Die zwischen 1905 und 1907 errichtete Metropolit-Alexej-Kirche macht deutlich, dass eine große Zahl der Einwohner Liepajas russisch-orthodoxen Glaubens sind. KT4SU 235 passiert die Kirche auf dem Weg Richtung Bahnhof.
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In der Kurve vor dem Bahnhofsgebäude treffen wir noch einmal auf einen Erfurter KT4D.
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Ein weiterer Erfurter nähert sich ebenfalls der Kurve aus der Gegenrichtung.
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Hinter KT4D 247 erhebt sich das schmucke Bahnhofsgebäude Liepajas. Es war eigentlich das erste Bild des Tages, nun ist es jedoch das letzte für diesen Teil.

Im zweiten Teil erfährst Du interessante Neuigkeiten von der Straßenbahn in Daugavpils, der dritte Teil befasst sich mit der Straßenbahn in Riga.

Für Impressionen aus anderen Straßenbahnbetrieben dieser Welt empfiehlt sich ein Besuch des tram2000-Flickr-Profils.

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3 Kommentare zu „Die Straßenbahn in Liepaja (Lettland)

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